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Donnerstag, 24. April 2014

Flüchtige Bekannte - Thomas Weiss



Im Suff spricht man bekanntlich die Wahrheit und genau das macht der Filmkritiker und Journalist Joachim, kurz Jo, als er in einer Urlaubsanlage auf Djerba mit seiner Tennislehrerin Maren einen Cocktail nach dem anderen kippt.




Er vertraut ihr an, dass er alles anders machen würde, könnte er noch mal auf Los zurück, schwadroniert über seine Beziehung zu Anne, die gern ein Kind mit ihm will, faselt von seinem Job als Rezensent und über Kinder(ver)ziehung. Eigentlich hatte Jo etwas ganz anderes vorgehabt: Er wollte sich Maren zur Brust nehmen und sie mit ihrer Vergangenheit konfrontieren. Denn er war nur in diesen Club gereist, um zu überprüfen, ob es sich bei der Tennislehrerin tatsächlich um die Frau handelt, die ein Jahr zuvor spurlos verschwunden war und dabei Mann und Tochter ohne Nachricht zurückgelassen hatte.
Thomas Weiss greift in seinem neuen Roman auf schwungvolle Weise das Thema seines Debüts „Schmitz“ wieder auf: das Verschwinden einer geliebten Person. Doch auch dem Verschwinden der Liebe in einer langjährigen Beziehung versucht er auf den Grund zu gehen. Der Schwere Ausdruck zu verleihen, die so mancher auf sich lasten fühlt, der eigentlich alles hat im Leben, der aber dennoch mit Partner, Kind, Wohnung, Job und Freunden nicht wirklich glücklich ist.
Gekonnt, wenn auch für den Leser anfangs ein wenig verwirrend, wechselt Weiss hin und wieder die Erzählperspektive. Dann erfährt man von Marens Gedanken und Erlebnissen nach ihrer spontanen Flucht aus Berlin und wie sie ihr neues Leben genießt. Denn dieses Strahlen, Ausdruck größter Lebenszufriedenheit, das Jo an ihr so sehr bewundert, liegt in Marens Befreiung aus dem Käfig, dessen Gitterstäbe aus Familie und Beruf geschmiedet waren, begründet.
Doch auch der verlassene Ehemann kommt mit seinen Beschreibungen der verzweifelten Suche nach seiner Frau zu Wort, und so vermag es dieser Roman auf sehr einfühlsame Weise, die Grenzen zwischen Richtig und Falsch zu verwischen, beiden Sichtweisen ein Existenzrecht zuzusprechen.
Köstlich sind Jos Telefonate mit Anne und das Aufeinandertreffen aller Beteiligten im Urlaubsparadies, das einen fulminanten Super-GAU einleitet. Welcher dann aber doch ganz anders ausfällt als erwartet.

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