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Montag, 11. Februar 2013

Fern wie die Zeit – Florian Popp


Da gibt es überhaupt keine Frage: Hieße Florian Popp nicht Florian Popp sondern hätte das Manuskript dieses ungewöhnlichen und spannenden Krimis beispielsweise als Wolfang Herrndorf an einen Verlag geschickt, dann hätten beide Seiten damit eine Menge Geld verdienen können. Aber nun ist der Autor dieser mitreißenden Geschichte eben (noch) ein unbekannter junger Mann ohne Namen, und so muss er andere Wege finden, diese Story unters Volk zu bringen. Wie genau man in den Genuss dieser Lektüre kommen kann?  Vom Ende dieser Rezension sie nur noch einen Klick weit entfernt.



Oberflächlich betrachtet säuft und prügelt sich auf diesen reichlich 300 Seiten ein ziemlich cooler Privatdetektiv durch ein Dorf am Ende der Welt in einem unbekannten Land. Wie er sich dabei immer wieder aus schier hoffnungslosen Situationen befreit und dabei jeweils mit lediglich einem weiteren blauen Auge davon kommt, das lässt den Leser immer wieder staunen und nötigt ihm Respekt ab. Und ist Indiz für die grenzenlose Phantasie des Schriftstellers. Schaut man dann genauer hin, stellt man fest, dass der Protagonist ein wirklich netter Bursche ist, der sowohl feste austeilen als auch ordentlich einstecken kann und doch unter seiner harten Oberfläche einen sanftweichen Kern beheimatet: „Nostalgie war eine machtvolle Droge, und ich neigte dazu, mich mehr mit ihr zu bedröhnen, als mir gut tat.“ Deutlich wird dies auch, wenn er seine Pensionswirtin auf dem Friedhof trifft und mit ihr ins Plaudern über die vor Jahren auf See verschollenen Familienmitglieder gerät oder wenn er die blutjunge Phil, die ebenso wie er in diesem Dorf als Fremde gestrandet ist, völlig ohne Hintergedanken (soweit das einem Mann überhaupt möglich ist) zum Picknick einlädt. Sehr einfühlsam und mit der Erfahrung eines Mannes, der schon alles gesehen und sehr vieles erlebt hat, erlangt er das Vertrauen des Mädchens, ohne es zu missbrauchen, wie es ihr eigener Vater vor Jahren getan hatte. Welcher für diese Tat mit seinem Leben bezahlen musste, obwohl er sich doch so sicher war, dass dieser Preis im niemals von irgendjemandem, nicht einmal vom Schöpfers selbst, abverlangt werden könnte. Womit wir wieder bei der eigentlichen Handlung angekommen wären: Die Dorfgemeinschaft ist durch ein Geheimnis eng verbunden, das mit den Bildern des aus der Stadt verschwundenen und vom Detektiv nun hier aufgespürten Malers und dessen Lehrers zu tun hat. Dieses Rätsel ist nun nicht nur ziemlich unvorstellbar und unrealistisch, wie so vieles in Film und Buch (weshalb solcherlei Geschichten ja gerade erst geliebt werden), sondern auch Ursache des einzigen kleinen Kritikpunktes des Rezensenten. Dies hat nun aber weniger mit den seltsam machtvollen Bildern an sich als vielmehr mit des Kritikers Abneigung gegen fiktionale Literatur zu tun. Kein Grund zur Sorge also, denn so unglaublich die Story auch ist, so  rasant verläuft sie von Anbeginn und so fesselnd nimmt sie den Leser sofort in seinen Bann. Doch, und das unterscheidet eine normale von einer richtig guten Geschichte und trennt die Spreu vom Weizen der Schriftstellerei: Hier wird nicht einfach nur stringent erzählt, was der Mann, dessen Name nicht genannt wird, im Dorf erlebt und anstellt. In genau der richtigen Dosierung werden Rückblenden, Erinnerungen und einige seiner im Kopf säuselnden Gedanken eingeschoben, womit dem Manne nicht nur ein Gesicht sondern auch eine Persönlichkeit gegeben wird. Popp versteht es hervorragend,  durch gezielt eingefügte Ideen und Grübeleien des Helden die teilweise bedrückende Stimmung wunderbar aufzulockern und schafft es durch kurze Sätze wie: „Zufrieden wartete ich auf die Reaktion. Die Reaktion lies ebenfalls auf sich warten.“ den Leser in der spannendsten Szene kurz zum Schmunzeln zu bringen.
Überhaupt sind es die vielerlei unkonventionellen aber durchaus nachvollziehbaren Gedanken des Detektives bzw. seines Schöpfers, die der Geschichte ihren unvergleichlichen Touch verleihen und Lust auf mehr Florian Popp machen. Und wann durfte man schon solche phantastischen Anmerkungen lesen wie diese: Gehen Sie jetzt, BITTE!“, und das Gehen war tatsächlich kursiv. Und das Bitte in Kapitälchen gesetzt.“ ?
Die in diesem Roman immer wieder vorzufindende Aneinanderreihung von ziemlich fieser Gewalt und Härte auf der einen und der Beschreibung von sensiblen Gefühlen auf der anderen Seite, wirken weder kitschig noch langweilig sondern kommen sehr authentisch beim Leser an: „… und ein zarter Duft stieg auf von ihrer Haut. Dann kam ein weiterer Windstoß, und der Duft war Geschichte, aber eine Erinnerung war geweckt.“ Wer könnte nicht solch einen Duft mit ein wenig Konzentration jederzeit heraufbeschwören und ohne Mühen in Erinnerung an Vergangene(s) schwelgen? Den Rezensenten jedenfalls wird wohl in Zukunft immer bei der Lektüre von Detektivgeschichten oder der Beschreibung einsamer Orte am Meer die Erinnerung an „Fern wie die Zeit“ einholen. Was es mit dem Titel auf sich hat? Ganz einfach:  „Sie [die Zeit] hatte wichtigere Dinge zu tun, als sich um dieses abgelegene  Dorf zu kümmern; hier unterhielt sie nur eine kleine Außenstelle, und die war nicht oft besetzt.“

Und hier geht’s zum Ebook:

Im Laufe des März wird es dann auch ein gedrucktes Buch geben und zwar bei:

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