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Donnerstag, 24. April 2014

Flüchtige Bekannte - Thomas Weiss



Im Suff spricht man bekanntlich die Wahrheit und genau das macht der Filmkritiker und Journalist Joachim, kurz Jo, als er in einer Urlaubsanlage auf Djerba mit seiner Tennislehrerin Maren einen Cocktail nach dem anderen kippt.




Er vertraut ihr an, dass er alles anders machen würde, könnte er noch mal auf Los zurück, schwadroniert über seine Beziehung zu Anne, die gern ein Kind mit ihm will, faselt von seinem Job als Rezensent und über Kinder(ver)ziehung. Eigentlich hatte Jo etwas ganz anderes vorgehabt: Er wollte sich Maren zur Brust nehmen und sie mit ihrer Vergangenheit konfrontieren. Denn er war nur in diesen Club gereist, um zu überprüfen, ob es sich bei der Tennislehrerin tatsächlich um die Frau handelt, die ein Jahr zuvor spurlos verschwunden war und dabei Mann und Tochter ohne Nachricht zurückgelassen hatte.
Thomas Weiss greift in seinem neuen Roman auf schwungvolle Weise das Thema seines Debüts „Schmitz“ wieder auf: das Verschwinden einer geliebten Person. Doch auch dem Verschwinden der Liebe in einer langjährigen Beziehung versucht er auf den Grund zu gehen. Der Schwere Ausdruck zu verleihen, die so mancher auf sich lasten fühlt, der eigentlich alles hat im Leben, der aber dennoch mit Partner, Kind, Wohnung, Job und Freunden nicht wirklich glücklich ist.
Gekonnt, wenn auch für den Leser anfangs ein wenig verwirrend, wechselt Weiss hin und wieder die Erzählperspektive. Dann erfährt man von Marens Gedanken und Erlebnissen nach ihrer spontanen Flucht aus Berlin und wie sie ihr neues Leben genießt. Denn dieses Strahlen, Ausdruck größter Lebenszufriedenheit, das Jo an ihr so sehr bewundert, liegt in Marens Befreiung aus dem Käfig, dessen Gitterstäbe aus Familie und Beruf geschmiedet waren, begründet.
Doch auch der verlassene Ehemann kommt mit seinen Beschreibungen der verzweifelten Suche nach seiner Frau zu Wort, und so vermag es dieser Roman auf sehr einfühlsame Weise, die Grenzen zwischen Richtig und Falsch zu verwischen, beiden Sichtweisen ein Existenzrecht zuzusprechen.
Köstlich sind Jos Telefonate mit Anne und das Aufeinandertreffen aller Beteiligten im Urlaubsparadies, das einen fulminanten Super-GAU einleitet. Welcher dann aber doch ganz anders ausfällt als erwartet.

Samstag, 15. März 2014

Das Minarettverbot - Max Müller



Minarettverbot

Der im Jahr 2009 nach einem Plebiszit in die Schweizer Verfassung aufgenommene Zusatzartikel „Der Bau von Minaretten ist verboten“ könnte dazu verleiten, die Schweiz als unmodern oder gar fremdenfeindlich anzusehen.

  Plakat des Egerkinger-Komitees zur Minarett-Initiative

Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn wer nun denkt, die neutralen Schweizer hätten mit ihrem Votum angebliche Aversionen gegen ihre islamischen Mitbürger zum Ausdruck bringen wollen, interpretiert den klug inszenierten Minarettstreit unserer ausgekochten Nachbarn fehl. Die generelle Ablehnung jeglicher Bauanträge für die muslimischen Kirchtürme hat nämlich nur ein Ziel: Den Schutz der islamischen Mitmenschen vor eventuellen Übergriffen von Wutbürgern, die der (angeblich) drohenden Überfremdung Einhalt gebieten wollen. Erneut hat sich auch bei diesem Referendum der Stadt-Land-Graben deutlich offenbart: Obwohl schon in den Städten eine kleine Mehrheit für das Minarettverbot stimmte, waren weitaus mehr Minarettgegner unter der konservativen ländlichen Bevölkerung auszumachen. Aber auch der sogenannte Röstigraben (die Grenze zwischen frankophoner und germanischer Bevölkerungsmehrheit) trat wie bei vielen derartigen Volksbefragungen erneut klar zutage. Ob unsere deutschstämmigen Brüder und Schwestern durch ihr minarettskeptisches Abstimmungsverhalten nun ihre wahre Fratze gezeigt haben oder ob sie einfach nur besonders clevere Multikultis sind, bleibt herauszufinden.

Den aufgebrachten Leipzigern, die jüngst gegen den Bau einer Moschee im Stadtteil Gohlis demonstrierten, sollte man jedenfalls mit auf den Weg geben: Versucht doch nicht den Bau des Gebetshauses zu verhindern, sondern setzt euch dafür ein, dass er ein hübsches und weithin sichtbares Minarett bekommt. Man weiß ja nie, ob sich irgendwann der Wind wieder einmal dreht und dann findet sich der Weg leichter.







Dienstag, 4. März 2014

Der Mann, der Balzacs Romane schrieb - Jürg Beeler

Pyromanie und strauchelnde Außenseiter haben es Jürg Beeler angetan. Auch in seinem mittlerweile sechsten Roman baut der Schweizer Autor aus diesen beiden Grundstoffen eine subtile Geschichte, die vom Handlungsverlauf her eigentlich kaum der Rede wert ist.




Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, doch mag es für manchen Nichtraucher, der sich die verqualmten Kneipen nie und nimmer zurück wünscht, ein wenig befremdlich wirken, dass für den Protagonisten mit dem „Nikotinedikt“ eine Welt zusammen bricht. Zum dritten Mal übrigens, denn dies geschah bereits, als sein Zwillingsbruder David ihm vor einigen Jahrzehnten die Frau ausgesponnen hatte und dann erneut, als die Bibliothek, in der Jan Panowski mitten in der Nacht ganz allein arbeitete, abbrannte. Der seit diesem Vorfall zurückgezogen lebende Ich-Erzähler hat es also wirklich nicht leicht im Leben, doch wirkt er auf den Leser längst nicht so sympathisch wie beispielsweise der Exstudent Niko in dem wunderbaren Film „Oh Boy“. Doch zurück zu Jan und seinen Problemen, schließlich ist dies hier keine Filmkritik sondern eine Buchrezension. Obwohl dem Autor immer wieder hübsche Formulierungen gelangen ( „… ich hatte vor der moralischen Instanz einer dreisten Kellnerin kapituliert.“) und er von einigen wirklich netten Ideen beflügelt wurde, fehlt es dem Roman sowohl an Handlung als Tiefgang. Wenn der alte Balzac dem alternden Bibliothekar Lebensweisheiten wie diese souffliert: „Doch Geld ausgeben, das man nicht hat, ist eine Kunst, die nur ein sublimer Geist beherrscht….“ könnte man in Verzückung zustimmend nicken. Oder man könnte sich all der Prolls entsinnen, die ihre Schrankwand auf Pump finanzieren und dann die Banken und Möbelhäuser dafür verantwortlich machen, dass sie nun kein Geld für Schnaps mehr haben.
Die eigentliche Handlung – Jan erfährt vom Tod des als Schriftsteller berühmt gewordenen und von ihm gehassten Zwillingsbruders und reist nach Paris, um nicht an dessen Beerdigung teilzunehmen - ist nur Mittel zum Zweck. Nämlich um dem Leser aufzuzeigen, wie heimisch sich Jürg Beeler in den Cafés und Museen von Paris fühlt und wie gut er mit dem Werk des Honore dé Balzac vertraut ist.
Doch vielleicht irrt der Rezensent ja auch in seiner Einschätzung des hier besprochenen Werkes und verkennt dessen Genialität. Möglicherweise sind ja andere Leser von Balzacs „Inspirationsmesser“ begeistert: Der berühmte Schriftsteller, so will es die vorliegende Geschichte, konnte am Verhältnis zwischen nächtlich getrunkenem Kaffee und ausgeschiedenem Urin überprüfen, wie viele Seiten er in der Nacht geschafft hatte. Durch einfaches Nachzählen wäre ihm dies sicherlich auch möglich gewesen, doch wäre diese Anekdote dann ebenso ungeboren geblieben wie die, welche Victor Hugo mittels des bereits erwähnten Pißkrugs zum Trottel macht. Wen diese interessiert der kaufe sich das Buch!

Freitag, 31. Januar 2014

In kleinen Städten - Frédéric Valin


Dass man den vom Verlag ausgesuchten Klappentexten und Lobeshymnen auf der Rückseite eines Buches nicht trauen sollte, weiß jeder halbwegs erfahrene Leser. Auch der Titel muss nicht immer direkten Bezug zur Handlung nehmen. Oft erschließt sich dieser dem Leser erst während der Lektüre.



In Frédéric Valins Erzählband »In kleinen Städten« indes führt der Name vollkommen in die Irre – von den sechs Geschichten spielt kaum eine in einer Kleinstadt –, was noch nicht einmal das größte Manko dieses kleinen Büchleins ist. So widersprüchlich wie der Titel, so ambivalent ist auch die Qualität der Geschichten. Während gleich zu Beginn mit bewegenden Worten von der Pflege der am Downsyndrom leidenden Sylvia berichtet wird, langweilt die längste der Episoden den Leser genauso wie das Leben die Bewohner der schwäbischen Provinz, in der sie handelt. Und zu allem Überfluss verfällt der Autor dabei hin und wieder in schwäbische Mundart. Das ist nicht witzig, nicht tiefgründig und auch nicht stilvoll. Da sind die Einsichten des (selbstverständlich nicht alkoholabhängigen) Trinkers im Monolog-Stil schon wieder ganz anderer Natur. Und dann erst die scharfzüngigen Gedanken des Protagonisten der besten der hier versammelten Storys: Lena langweilt sich mit ihrem Exfreund in einem portugiesischen Ferienhotel, wo jeder seiner eigenen Wege geht, was nichts anderes als fremdvögeln bedeutet. Fast tragikomisch dann das Geständnis des Ich-Erzählers hinsichtlich Lena: »Bisweilen habe ich schon nach dem dritten Bier Lust, sie zu küssen«. Und wenn er dann leicht verzweifelt beim Beobachten turtelnder Rentner feststellt »Hört das also nie auf?« ahnt man, welches Potenzial in Valin schlummert. Man könnte meinen, dass hier verschiedene, doch leider sehr unterschiedlich begabte Autoren ihre Geschichten in einen Topf geworfen und ein Buch daraus zusammengerührt haben. Das ist wirklich schade, doch sehen wir es positiv: Da kommt bestimmt noch was.

Donnerstag, 28. November 2013

Die Verwahrten - Susanne Preusker


Seit zwei Jahren müssen hierzulande gefährliche Sexualstraftäter nach verbüßter Strafe und Sicherheitsverwahrung freigelassen werden. Wenn nun eine Psychologin, die selbst von einem solchen Häftling vergewaltigt worden ist, vor diesem Hintergrund eine Story schreibt, in der sie mehrere solcher Männer jeweils am Tag ihrer Entlassung entführen lässt, könnte man annehmen, dass sie eine Abrechnung mit den Tätern und den Verantwortlichen für die neue Rechtsprechung sucht. Vielleicht trifft das auch zu.



Aber das ist nur ein Nebenaspekt. Vor Allem hat Susanne Preusker einen spannenden Krimi abgeliefert, der Fragen aufwirft. Und der es schafft, dass man sich selbst dabei ertappt, Empathie für die eingekerkerten Männer zu empfinden: Wenn diese vom Entführer brutal misshandelt werden und einer zu entkommen versucht, fiebert man mit dem Vergewaltiger mit und fragt sich am Ende, wer hier eigentlich die Guten sind. Geschickt schafft es Preusker, ein stark boulevardisiertes Thema literarisch zu verarbeiten, und so hat das Buch durchaus das Potential, eine spannende Debatte anzustoßen. Denn das war es schließlich auch, was der Entführer beabsichtigt hatte, der nur vordergründig Rache üben wollte. Seine Intention war es, Heilung durch Nachempfinden der körperlichen Leiden herbeizuführen. Selten werden in einem Kriminalroman derart tiefgreifende, Fragen aufgeworfen – wie etwa die, ob eine demokratische Gesellschaft nicht verpflichtet ist, sich für diese kranken Männer einzusetzen, und wie mit den wirklich Unheilbaren umzugehen ist. Mehr kann ein guter Krimi wohl kaum leisten.

Susanne Preusker: Die Verwahrten. Frankfurt: Verlag Krimythos 2012. 304 S., 12,80€

Mittwoch, 20. November 2013

Der Steppenwolf – Hermann Hesse





Wie nähert man sich einem der bekanntesten Werke der Weltliteratur, dem meistgelesenen deutschen Roman des 20 Jahrhunderts, in einer Rezension, wo doch anzunehmen ist, dass der Inhalt nahezu jedem Leser bekannt sein dürfte? Vielleicht ist es ja eine gute Idee, dies mithilfe der zahlreichen handschriftlichen Randnotizen und Unterstreichungen, die dieser speziellen Ausgabe von den vorherigen Nutzern beigebracht wurden, zu versuchen.




Kernstück des prosaischen Meisterwerkes bildet das „Traktat vom Steppenwolf“, welches dem Protagonisten Harry Haller (nicht zufällig trägt dieser die Initialen des berühmten Autors) von einem befremdlich wirkenden Mann überlassen wurde, und in dem ganz direkt auf Harrys Leben Bezug genommen wird. Er sucht hierin nach Hinweisen, wie er mit seinen Selbstzweifeln und dem Konflikt zwischen seinen beiden Seelen, der wölfischen und der menschlichen, umzugehen hat und verschlingt die kurze philosophische Abhandlung gierig. Tatsächlich findet Harry hier ein paar wichtige Antworten und versöhnliche Aussagen, wie die, dass alle Menschen, nicht nur solche wie er, die ob ihres wilden, unangepassten Inneren mit sich und der Welt hadern, leiden müssen. Und dass selbst das unglücklichste Leben seine Sonnenseiten besitzt.

Denn dies ist ja eines der größten Probleme des Protagonisten (und vieler Leser): Einerseits lehnt er die verlogene bürgerliche Welt ab, andererseits fühlt er sich in ihr auch heimisch aufgehoben. Wer kann dem nicht beipflichten? In einer der handschriftlichen Randnotizen heißt es dazu: „Wie ich das teilweise bodenlose Niveau der Allgemeinheit hasse!... Normen sind Fesseln, denen wir uns fügen müssen“.

Und auch dem Rezensenten half das Buch als Erklärung und Versöhnung mit dem eigenen Ich, wenn im Traktat festgestellt wird, dass eines jeden Menschen Leben zwischen tausenden von Polen hin und her schwingt, dass niemand also immer im inneren Gleichgewicht mit sich selbst sein kann, sondern aus unzähligen Ich-Partialitäten besteht. Es gibt keinen Grund, mit dieser Tatsache zu hadern! Wir sollten sie erkennen, sie annehmen, uns selbst lieben. Der Weg zur Unsterblichkeit indes bleibt uns dadurch verschlossen. Dieser nämlich führt weg aus der Gesellschaft und überwindet dabei alle fesselnden Normen. Nur sehr wenige folgen ihm, und das ist auch gut so, denn diese Straße ist gar nicht breit genug, als dass sie alle Menschen gehen könnten. Sie ist "...wenigen Auserwählten vorbehalten, die durch Hingabe, Leidensbereitschaft und Gleichgültigkeit gegen alle bürgerlichen Ideale die zwangsläufige Vereinsamung zu erdulden fähig sind."

Fabelhaft, rührend und überaus menschlich (ein weiterer Beweis, dass Hesse die Menschen sehr gut studiert hat) ist dann der weitere Verlauf der Geschichte. Getrieben von suizidalen Gedanken trifft Harry auf ein junges, selbstbewusstes Mädchen, das es schnell schafft, eine weitere seiner unzähligen Saiten zum Klingen zu bringen. Es ist die größte Kraft, die uns mit auf unseren (Leidens-) Weg gegeben wurde und wohl die einzige, die ihn lohnenswert und erträglich macht: Die Liebe! Wunderbar modern erzählt Hesse von deren verschlungenen Pfaden und davon, was sie in uns auszulösen vermag. Der einsame Steppenwolf lernt das Leben in Gesellschaft, er tummelt sich auf philanthropischen Veranstaltungen wie Tanzbällen und genießt schließlich wie im Rausch die Aufmerksamkeit der Frauen, betört von deren unterschiedlichsten Düften. Wie sehr gönnt man ihm diese Erfahrung und wie gut kann man Harrys 180-Grad- Wendung wider seiner bestehenden tiefgreifenden Selbstzweifel nachvollziehen! Als Kommentar steht so schön trefflich am Rand: „Wie schnell er seine Psycho-Scheiße vergessen kann!“

In einer Szene des Romans hört der Steppenwolf drahtlose Musik aus einem der ersten Radioapparate, die zwar noch stark verrauscht klingt, doch weiß er, dass sich dies schnell ändern wird. Und hier folgert er mit einer Mischung aus erhabener Weisheit und einem gewissen prophetischen Spürsinn für unsere mediale Zukunft: dieses Gerät habe doch lediglich das zu Tage gebracht, was die alten Inder (und jeder Denker) schon immer wussten: Die Allgegenwärtigkeit aller Kräfte und Taten. Und außerdem, als hätte er die vorherrschende Mulimedialität des 21. Jahrhunderts vorhergesehen, die uns heute umgibt, weiß er, dass dies alles „… den Menschen nur dazu dienen werde, von sich und ihrem Ziel weg zu fliehen … und sich mit einem Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu umgeben“. Dass diese Feststellung am Rande als so wahr!“ kommentiert wird und einer der vorherigen Leser „darüber nicht lachen kann“ können sogar Smartphoneliebhaber gut nachvollziehen.

Selbst den Lesern, die sich nichts aus Fleisch machen, wird der Vergleich, den Harrys neue Freundin anführt - das Ablösen des köstlichen hellen Fleisches von einem Entenbeinchen ist so appetitlich und spannend ist, wie wenn ein Verliebter seinem Mädchen das erste mal aus der Jacke hilft - verständlich sein. Schließlich will uns Hesse hiermit nicht den Vegetarismus verderben, sondern sagen, was  treffend im Randkommentar für die nächsten Leser festgehalten ist: „Du musst dich begeistern lassen können – ein Leben lang.

Dass Hesse von den Nazis verboten wurde, versteht sich von selbst. Wer so klar gegen Staat, Autoritäten und Krieg argumentiert wie der Steppenwolf, ist natürlich ein gefürchteter Gegner totalitärer Systeme. Harry verzweifelt an der Tatsache, dass die Menschen um ihn herum nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg mit nahezu ungebremster Lust auf den nächsten fürchterlichen Weltkrieg zusteuern. Und auch wenn er einsieht, dass er mit seinen Zeitungsartikeln gegen den Krieg die nächste Mobilmachung nicht wird verhindern können, so steht er doch dafür ein, es wenigstens zu versuchen. Dieser Donquichotterie wird am Rande dieser Ausgabe mit „Trotzdem sollte man sich darüber Gedanken machen“ zugestimmt.

Im fulminanten Schlussakt des Buches, der in einem Magischen Theater angesiedelt ist, dass dem drogenberauschten Harry Haller übernatürliche Möglichkeiten eröffnet, durchlebt er eine Szene aus seiner Kindheit. Damals hatte er das erste Mal die Liebe gespürt, wenngleich diese noch eine keusche und kindliche war. Im Gegensatz zur längst vergangenen Realität hat Harry jedoch nun den Mut, Rosa anzusprechen, beichtet ihr seine überschäumende Liebe und genießt die Erwiderung seiner Gefühle . Nur Wenigen ist es vergönnt, diese Erfahrung auch im wirklichen Leben zu machen, doch soll es in der Tat auch solche Lieben geben, die 20 Jahre und mehr im Bereich des Unmöglichen und mit großer Verzögerung dann doch noch zum Blühen kommen. Am Rande steht an dieser Stelle steht im Buch in kleinen handschriftlichen Buchstaben: „Mir gefällt, wie geschickt Hesse die Fehlbarkeit der menschlichen Rasse darstellt. Denn schon zum zweiten Mal meint Harry, vorher noch nie so geliebt zu haben“. Was dann doch sehr versöhnlich stimmt und möglicherweise eine wichtige Grundaussage Hesses großartigen Werkes beinhaltet. Wäre es nicht unerträglich, wenn uns die Lasten unerwiderter, vergangener Lieben und die Zerrissenheit in Wolf und Mensch ein Leben lang quälten? Hesse zeigt uns, dass in dieser banalen Welt jeder, sogar der brummbärtige Steppenwolf, sein Glück finden kann, selbst wenn es nur Stunden oder Tage währt. Er muss es nur suchen – oder sich vom Glück finden lassen.

Samstag, 2. November 2013

Die Leinwand – Benjamin Stein

Ein wichtiger Unterschied zwischen einem Blockbuster und einem richtig guten Film ist, dass bei letzterem gern auch mal ein paar Fragen offen bleiben dürfen. Dass man noch Tage damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken, mit Freunden diskutiert – sich einfach mitreißen lässt. 

Und genau dies zeichnet auch Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ aus. Obwohl bei sorgfältigem Lesen und längerem Überlegen schon einige der Handlungsknoten aufgelöst werden können, bleiben einige Grundsätzlichkeiten doch völlig im Nebel der Unbestimmtheit verborgen. Aber das ist nicht die einzige Begründung dafür, dass es sich hierbei um einen ganz besonderen Roman handelt. Doch Halt! Der Plural ist hier angebracht, denn im Grunde genommen sind es zwei Bücher, die in einem gemeinsamen Einband daher kommen und verdreht bzw. gespiegelt gedruckt wurden. So kann man die beiden Geschichten, die anfangs kaum Bezug zueinander haben, auf verschiedene Weise lesen: Erst die aus der Sicht des Jan Wechsler, jüdisch-orthodoxer Schriftsteller und Verleger, der in München lebt und zu Beginn einen Koffer zugestellt bekommt, den er gar nicht vermisst, welcher aber mit einem in seiner eigenen Handschrift versehenen Adressanhänger versehen ist. Anschließend dann wendet man das Buch und liest die Lebensgeschichte des Amron Zichroni, ebenfalls orthodox lebender Jude, der die Gabe besitzt, die Gefühle und Erlebnisse seiner Mitmenschen am eigenen Leibe nachempfinden zu können, als wäre er selbst diese Person. Man kann aber auch nach jeweils einem Kapitel der einen wieder zur anderen Erzählung hinüber wechseln. Fragen entstehen ohnehin immer wieder, und erst gegen Ende, wenn beide Geschichten schließlich in der Mitte des Buches zusammenfinden, erschließen sich dem Leser die Gemeinsamkeiten und verbindenden Elemente. Doch wird, wie eingangs bereits erwähnt, längst nicht alles geklärt, was dem Werk indes keinen Abbruch tut.

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Neben der spannenden Handlung und der interessanten Idee zweier aufeinander zulaufender Geschichten gibt es aber noch weitere Argumente, diesen Roman als absolut lesenswert zu empfehlen: Legt der Leser beispielsweise erst einmal seine Voreingenommenheit zur Orthodoxie beiseite, kann „Die Leinwand“ ganz bestimmt dazu beitragen, die Gründe dafür, dass viele Menschen (nicht nur religiöse) heute noch nach den Vorschriften der Urväter leben, besser verstehen. Dazu muss man weder gläubig noch jüdisch sein, sondern lediglich eine gewisse Offenheit mitbringen. Dann kann es gelingen, den teilweise völlig unverständlichen oder mystischen Bräuchen, Sitten und Verboten ein wenig näher zu kommen, und man ahnt, dass gerade in dieser schnelllebigen und verrückten Zeit das Einhalten bestimmter Vorschriften Sicherheit und Halt geben kann. Nun kann man zu Religion stehen, wie man will, und Keinem ist es zu verübeln, wenn er sich ganz von ihr abwendet, in Zeiten, in denen sich Bischöfe (wieder) Paläste bauen und sogar buddhistische Mönche von ihrer Friedlichkeit abrücken und Jagd auf Andersgläubige machen. Doch ist es schon bezeichnend, wenn Amron Zichroni, der ja nun aufgrund der konservativen Auslegung seines Glaubens weiß Gott einige Schwierigkeiten zu bewältigen hat, die uns allen völlig fremd sind, den „Ewigen“ immer als Gütigen erlebt und verstanden hat, während er im konservativen Christentum mit Verboten, Strafen und Angst vor der Hölle konfrontiert wurde.

Wie in den meisten Romanen so ist natürlich auch in diesem ein gutes Stück Autobiographie enthalten. Die völlig unreligiöse Ostberliner Kindheit im „kleinen Land“ etwa, die Hinwendung zum Judentum, der Umzug nach München und vieles Andere verbinden die Leben Jan Wechslers und Benjamin Steins. Dies macht „Die Leinwand“ zu einem authentischen Erlebnis, das oft mit ungeahnten Sprüngen den Geist des Lesers verwirrt, aber auch fesselt. Und wie recht häufig in der Literatur spielen auch hier andere Bücher für die Geschichte(n) eine Schlüsselrolle, und so nutzt Stein sehr geschickt die Kniffe des „Roman im Roman“: Es sind dies die „Aschentage“, eine autobiographische Erzählung des Geigenbauers Minsky (welche im Übrigen auf einem wahren Literaturskandal beruht, den Binjamin Wilkomirski mit seiner angeblichen Auschwitz-Vergangenheit seinerzeit auslöste) und die „Maskeraden“. Letzteres ist Jan Wechslers heftige Antwort auf die „Aschentage“, in denen er Minsky der Lüge bezichtigt und letztendlich dessen Leben zerstört, wie er sich später selbst eingestehen muss.

Auch wenn die vielen hebräisch-jüdischen Fachausdrücke im Text mitunter etwas anstrengen, so sollte man sich ruhig die Zeit nehmen, während der Lektüre hin und wieder das in der Mitte des Buches aufgeführte Glossar zu nutzen. Das bereichert das Allgemeinwissen und trägt zum besseren Verständnis bei. Und nach der durchaus auch vergnüglichen Lektüre dieses Romans wird man sicher beim nächsten New-York-Besuch oder der kommenden Israelreise mit einem wohlwollenden und wissenden Blick auf die Schwarzhüte mit ihren Löckchen schauen. Was dann auch ganz im Sinne von Lessings weisem Nathan wäre.